Obmann trifft Geometer 1. Klasse – Das virtuelle Gespräch am Grosholz-Denkmal
Foto: Annette Hausmanns
Am 18. Oktober 1836 beschloss der Vilbeler Gemeinderat, Friedrich Grosholz die Urvermessung von (Bad) Vilbel „in alleiniger Verantwortung“ zu übertragen. Genau 190 Jahre später begab sich der amtierende Obmann für historische Grenzsteine Prof. Peter W. Hübner zu einem virtuellen Gespräch an das Denkmal, um ihm für seine Leistungen Respekt zu zollen. Gleichzeitig wollte er damit aber auch die Wahrnehmung in der Bevölkerung auf diese herausragende Leistung des 26jährigen Geometers 1. Klasse Grosholz lenken, der bislang in Bad Vilbel und darüber hinaus allseits eher als der „Vater der Mineralbrunnenindustrie“ bekannt ist.
Von der Urvermessung zur Urquelle Vilbels
Vor 190 Jahren realisierte Friedrich Carl Grosholz die erste amtliche Vermessung (Bad) Vilbels – Grundlage bis in die heutige Zeit –
Sein Name und sein Antlitz stehen in Bad Vilbel bis heute für die Geschichte der Mineralbrunnenindustrie, bürgen für Qualität und Kontinuität auf Mineralwasserflaschen, Werbeanzeigen und Plakaten oder erinnern uns auch durch das Denkmal am Alten Rathaus an seine vielfältigen Leistungen (symbolisch mit einem Becher Mineralwasser in der Hand).

Weniger bekannt ist hingegen, dass der junge, 26jährige Friedrich Grosholz 1836 als Geometer-Gehilfe ursprünglich zu Vermessungsaufgaben nach Vilbel kam, dann den o.g. Auftrag durch Gemeinderatsbeschluss erhielt, eine sogenannte Urvermessung der gesamten Flur der damals 4000 Einwohner zählenden Gemeinde Vilbel alleinverantwortlich vorzunehmen – vor nunmehr genau 190 Jahren.
Er benötigte dafür insgesamt drei Jahre, in denen er zu Fuß nicht nur die Außengrenze abschritt und exakt protokollierte und zeichnete (abgegeben 1.1.1838), sondern alle zu Vilbel gehörenden Äcker, Gärten, Gewässer, Waldungen und bebauten Grundstücke, kurzum jeden Winkel dokumentierte, stets unter Mitwirkung der betreffenden Grundeigentümer. Bewundernswert, denn er musste neben dem fachlichen Können auch organisieren und die Bürger jeweils zu ihren Grundstücken bitten. Wenn das nicht klappte galt es auch zu mahnen und auf die Pflichten hinzuweisen. Er muss schon jung eine überzeugende Persönlichkeit mit großem fachlichen wie menschlichen Geschick gewesen sein. So lernte er Vilbel und die Vilbeler, und die Vilbeler Friedrich Grosholz zwangsläufig kennen und schätzen. Noch heute existieren seine Protokolle und Skizzen der gesamten Gemarkung Vilbel. Und viel hat sich aus seiner Begegnung mit den Vilbelern für sein Leben ergeben, ob beruflich oder privat.
Hintergrund der Urvermessung war die Neuordnung des neu zugeschnittenen Großherzogtums nach dem Wiener Kongress, wodurch nach 1815 flächendeckend präzise Vermessungen vorgenommen wurden. Das Katastergesetz von 1824 hatte dafür die Grundlage gelegt.
| Über die Bedeutung der „Urvermessung“ … demnächst hier … |
Noch vor der Urvermessung durch Grosholz wurde bereits von Landmesser Carl Bindernagel (Großherzogthum Hessen) und Carl Kanut Normann (Kurfürstenthum Hessen) eine erste Flurvermessung vorgenommen, die allerdings noch nicht der Tragweite und Rechtsgültigkeit einer amtlichen Urvermessung entsprach. Schon die verwendeten Längenmaße unterschieden sich noch auf beiden Seiten der Grenze (siehe Maßstabangaben am Fuß der Skizze).
Bereits am 28.4.1833 beschloß der Vilbeler Gemeinderat einstimmig die Durchführung einer Parzellenvermessung. Ein im Großherzogtum vergleichsweise sehr früher Termin, der auf die Weitsichtigkeit und Aufgeschlossenheit dieses Gremiums hindeutet.
Großholz startete ab 1836 mit der exakten Vermessung und Protokollierung der Gemarkungs- und Hoheitsgrenzen von Vilbel nebst der Beschreibung der Lage und Bedeutung jedes einzelnen Grenzsteins. Seine überlieferten Protokolle mit exakten Skizzen sind heute noch eine wichtige Grundlage für die Arbeit des Obmannes für historische Grenzsteine Bad Vilbels.
Friedrich Grosholz hat neben seinen sonst gut bekannten Aktivitäten als Unternehmer und im Gemeinwesen Vilbels bis 1864 stets auch Katasteraufgaben wahrgenommen, zuletzt als Feldgeschworener. Auch war er bei der Trassenvermessung der Main – Weser – Bahn beteiligt, die 1853 ihren Betrieb aufnahm.
Der Geometer 1. Klasse
Vom frühen 19. Jahrhundert bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war der Geometer 1. Klasse im damaligen Großherzogtum Hessen ein gehobener Dienstgrad bzw. Titel für staatlich geprüfte Landvermesser. Diese Vermessungsbeamten waren für die präzise Erstvermessung von Gemarkungen, das Erstellen der ersten Parzellen- und Flurkarten sowie die Dokumentation von Eigentumsgrenzen zuständig.
Friedrich Grosholz meldete sich 1835 zur Prüfung als Geometer 1. Klasse in Darmstadt an, die er umgehend bestand. Hierfür musste er die reine Mathematik beherrschen sowie die angewandte, sofern sie „zum Verstehen der Theorie der barometrischen und trigonometrischen Höhenvermessung und der inneren Einrichtung eines Fernrohres nötig ist“. Die Fähigkeiten musste der Prüfling Grosholz vor der Oberfinanzkammer in Darmstadt in mehrtägiger Prüfung beweisen. Bevor Grosholz sodann die Tätigkeit als Katastergeometer amtlich ausüben durfte, musste er noch den Besitz eines Kompensationstheodoliten, eines Barometers, einer Kreuzscheibe und zweier geprüfter Klafterstäbe nachweisen.

[Klafter (Hist. Längenmaß): entsprach im Großherzogtum Hessen nach der metrischen Reform im frühen 19. Jahrhundert genau 2,50 Metern (unterteilt in 100 Zoll bzw. Dezimalmaße) und war damit größer als in den meisten anderen deutschen Regionen.]
Sodann erhielt Friedrich Grosholz vom Kreisrat sein Patent und wurde unter Eid genommen.
Für weitere 10 Vermessungsprojekte war Grosholz als Geometer tätig.
ÜBERSICHT DER ORTE GROSHOLZscher VERMESSUNGSTÄTIGKEIT:
| Bezirk / Kreis | Ort | Link zum Digitalisat |
| Kreis Mainz (Provinz Rheinhessen / Großherzogthum Hessen) |
Niederolm (1839) | |
| Sörgenloch (1840) | ||
| Zornheim (1840) | ||
| Stadecken (1842) | ||
| Essenheim (1844) | ||
| Kreis Friedberg (Großherzogthum Hessen) |
Rodheim v.d.H. (1842-48) | [zur hist. Karte im Staatsarchiv] |
| Nieder Eschbach (1842-45) | [Beschreibung d. Grenze / Staatsarchiv] | |
| Ober Erlenbach (1847-49) | [zur hist. Karte im Staatsarchiv] | |
| Rödelheim (1846) | [zur hist. Karte im Staatsarchiv] | |
Weiterhin war Grosholz als Feldgeschworener an einer Vielzahl von Grenzfestlegungen und Aussteinungen beteiligt.
Ebenfalls involviert war er bei der Trassenfestlegung des Neubaus der Main – Weser Bahn (1852 ff. )
ÜBERSICHTSKARTE
Orte Grosholzscher Landvermessungen (1836-1856) und Lebensstationen:
DANKSAGUNGEN:
- Stadtarchiv Bad Vilbel
- Stefan Kunz, Bad Vilbeler Mineralbrunnen-Archiv
- Annette Hausmanns, Journalistin & Photographin
- Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main
- Hessisches Landesamt für Bodenmanagement und Geoinformation Büdingen
- Staatsarchiv Darmstadt und Marburg
- Landeshauptarchiv Koblenz
QUELLEN & INFORMATIONEN:
PRESSE:
- Wetterauer Zeitung v. 19. Okt. 2026
- Frankfurter Neue Presse v. 19. Okt. 2026
- Bad Vilbeler Anzeiger v. 21. Okt. 2026
LITERATUR:

- Hanjo Diekmann
Der Mensch. Die Quelle. Der Unternehmer. – Friedrich Grosholz,
(Bad) Vilbel und das Mineralwasser
Bad Vilbeler Heimatblätter, Band 49 (2005) - Erich Seipp
Friedrich Grosholz (1810 – 1888) Grosholz Familienforschung 1473 – 1998
Selbstverlag 2001



