GRENZ – BAUM – FORSCHUNG
Nicht nur im Großherzogtum Hessen dienten vor aber auch während der flächendeckenden Einführung von Grenzsteinen vor allem markante, langlebige Baumarten als natürliche Grenzmarkierungen, die zu diesem Zweck als Grenz-Baum (nicht Schlagbaum) gesetzt wurden.
Das Thema erstmals für Bad Vilbel zu erkunden haben wir uns vorgenommen, nachdem wir mutmaßlich alte Grenz-Bäume erkannten. Doch die Identifizierung ist anspruchsvoll, allein das Alter eines Baumes kann nicht als absolute Größe bestimmt werden. Da helfen weitere Parameter wie Grenzverlauf, Grenzsteine und Grenzgräben in unmittelbarer Nähe oder historische Protokolle. Ein Bündel an Faktoren, die bislang in diesem Zusammenhang nicht beachtet wurden.
FACHLICHE EXPERTISE

Wir freuen uns sehr, dass Dipl. Ing. Manfred Wessel, vormals Technischer Leiter des Botanischen Gartens Frankfurt am Main, Dendrologe, Fachreferent der Champion Trees (Rekordbäume) in der Deutschen Dendrologischen Gesellschaft und zudem Geschichtsbegeisterter, uns in dieser Fragestellung fachlich unterstützt, ist doch allein die Altersbestimmung eines Baumes kein leichtes und sicheres Unterfangen und bedarf einer großen Expertise und Erfahrung. Manfred Wessel ist zudem ehrenamtlicher Stadtführer in Bad Vilbel zu den Themen Stadtgeschichte, Siesmayer, Kurpark und dem neuen Arboretum, welches er in seiner Entstehung wissenschaftlich begleitet.
DER GRENZ-BAUM IM FOKUS – nicht nur der Grenzstein
Die Baumwahl der Grenz-Bäume war zu Zeiten der Grenzmarkierung neben der symbolträchtigen „Deutschen Eiche“ (Stiel-Eiche) auch standortabhängig.
Doch die Wahrnehmung eines Grenz-Baumes in der Landschaft ist nicht selbstverständlich. Beim Thema historische Grenzsteine richten wir nämlich heute zunächst ganz automatisch den Blick auf den Boden, fixiert auf die Grenzsteine. Dabei muss man sie im Zusammenhang mit ihrer Entstehung und der jeweiligen Grenzlandschaft wahrnehmen und auch ganzheitlich gewichten.
Wir haben uns diese interessante, ganzheitliche Sichtweise zu eigen gemacht, denn wir kommen im Rahmen unserer Beschäftigung mit historischen Grenzsteinen um diese Betrachtungsweise nicht umhin. Und so haben wir unsere Perspektive geändert und nehmen plötzlich Grenzgräben (Landgraben), Grenz-Bäume, Flüsse, Bachläufe, Hecken u.v.a.m. wahr und stellen sie in den bestehenden Gesamtzusammenhang!
Daher auch dieses vertiefende Kapitel über die Grenz-Bäume als eines der Elemente historischer Grenzmarkierung.
Als Grenzmarkierungen dienten zunächst die vorhandenen Landschaftsmerkmale, die nach und nach durch Bäume, dann Grenzsteine oder andere Markierungen verstärkt wurden, oftmals auch mit mehreren Elementen gleichzeitig oder im Laufe der Zeit zum Beispiel durch Herrschaftswechsel mit anderen Mitteln erweitert / verändert, verdichtet. So erleben wir schon in Bad Vilbel nicht nur Grenzsteine, sondern Grenzgräben, Hecken, Flüsse oder eben Grenz-Bäume, sei es alleine oder quasi als eine „Grenzanlage“, wie man es im Vilbeler Wald (Grenzstein – Grenzgraben – Grenz-Baum) noch heute sehr gut sehen kann.
Solche Zusammenhänge wurden bislang offenkundig nicht immer gesehen. Wir haben uns daher vorgenommen, dieses interessante Thema am Beispiel der Grenz-Bäume rund um Bad Vilbel zu vertiefen und eine Bestandsaufnahme zu versuchen.
„§ 923 BGB Grenzbaum“
Schon gewußt? Im Bürgerlichen Gesetzbuch unseres Landes kommt der Grenzbaum mit einem eigenen Paragraphen (§ 923) vor! Hier handelt es sich immer dann um einen Grenzbaum, wenn er da, wo er aus der Erde tritt, von der Grenze durchschnitten wird. Auf die Wurzelung kommt es dabei nicht an! Und hier zeigt sich die erste Unterscheidung zwischen Zivilrecht und Öffentlichem Recht. Denn die Mehrzahl der Grenz-Bäume von Hoheitsgrenzen stehen auf einer der beiden Seiten einer Grenze und nicht auf der Grenzlinie, da meist eine der Grenzparteien zunächst den Bedarf sah, seine Grenze (von seiner Flur aus) zu kennzeichen. Im Vilbeler Wald beispielsweise stehen alle Grenzbäume auf Vilbeler Grund, der Grenzgraben bildet dabei die Grenzlinie und die Grenzsteine stehen auf der Seite der Freien Reichsstadt Frankfurt (die im übrigen auch die zweite, verdichtende, Steinsetzung 1866 veranlasste!).
Bestandsbäume an Grenzen hingegen nutzte man durch das Einschneiden von bestimmten Zeichen / Markierungen wie etwa den Malbaum (von mittelhochdeutsch „mal“ = Zeichen), oder den Lachbaum (althochdeutsch ,lah’ für den Einschnitt).
Auch trieb man zur Grenzkennzeichnung Löcher in Bäume (sog. Lochbaum), von denen es im Übrigen im Jahre 1715 nicht weit entfernt von Vilbel (15 km) eine ganze Reihe entlang der Gemarkungsgrenze bei Friedrichsdorf gab:
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Flurkarte Seulberg – Erlenbacher Mark (1715) | Lochbaum: Zeichnung Richard Zorn (um 1940) – Zum Vergrößern anklicken.)
Dass es dort heute noch am Waldesrand einen „Lochmühlenweg“ gibt, das ist kein Zufall. Der Name Lochmühle bedeutet historisch meist „Mühle an der Grenze“, abgeleitet von den Lochbäumen.
DIE GRENZ-BÄUME BAD VILBELS HEUTE
In der Flur rund um Bad Vilbel finden sich heute noch mutmaßlich die folgenden Arten von insgesamt ca. 10 – 15 Grenz-Bäumen:
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Stiel-Eiche (Quercus robur) früher auch „Deutsche Eiche„ Wegen ihres harten Holzes und der extremen Langlebigkeit aber auch ihrer symbolischen Bedeutung oft an wichtigen (Eck-)Punkten gepflanzt. Die Stiel-Eiche war übrigens im Jahre 1989 der allererste „Baum des Jahres„. |
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Rosskastanie (Aesculus hippocastanum) Diese setzt durch ihre auffällige Krone ein klares, sichtbares Zeichen in der Landschaft. (Baum des Jahres 2005) |
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Schwarz-Pappel (Populus nigra) Sie wächst rasch bis zu 30m hoch und ist in kurzer Zeit mit ihrer massiven Krone ein großer, weithin sichtbarer Baum. Sie ist in der flachen Landschaft als Landmark nicht zu übersehen. Die Bäume sind sehr robust, sturmfest und vertragen feuchte Böden gut. Der Bestand ist stark gefährdet (Rote Liste)! (Baum des Jahres 2006) |
Wir werden jeden dieser Grenz-Bäume, von dem wir annehmen, dass er diese Funktion einmal ausübte, genau auf diese Zuschreibung als Grenz-Baum hin prüfen und die Ergebnisse auf dieser Seite vorstellen.
ÜBERSICHTSKARTE der alten Grenz-Bäume in den Fluren Bad Vilbels:
(Das gesamte Thema wird erstmalig erarbeitet und daher auch diese Übersichtskarte laufend aktualisiert.)






